Schon ein bisschen peinlich

Ich bin am Sonntag wieder mal zum Gottesdienst gegangen. Ich hatte den Wunsch, trotz aufwendiger Corona-Maßnahmen wieder Gemeinschaft mit anderen Christen zu haben und „live“ eine Predigt zu hören (und nicht übers Internet). Ich habe mich sehr darüber gefreut. Es war eine tolle Zeit, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir im Laufe der Predigt etwas peinlich wurde. Warum? 

Das Thema der Predigt lautete „Gemeinschaft heißt: den Einsamen nicht vergessen“. Es wurde erklärt, wie wichtig es ist, für die Leute, die einsam sind, wie die Witwen z.B., zu sorgen. Der Prediger hat klar gemacht, dass es zum Auftrag der christlichen Gemeinden gehört. Durch konkrete Beispiele aus seinem Leben wurden verschiedene Tipps gegeben, wie das ganz praktisch aussehen kann. Als ich fleißig dabei war, mir Notizen zu machen, wurde mir immer bewusster, dass ich viele dieser Dinge erlebt hatte… aber nicht, weil ich sie regelmäßig gemacht habe, sondern weil diese Dinge mir getan wurden − und jetzt kommt der Grund, warum es mir ein bisschen peinlich wurde − von einsamen älteren Geschwistern, die zum Teil Witwen sind. 

Hier einige Beispiele:

Es wurde in der Predigt nahgebracht, den Einsamen… 

– … zum Geburtstag entweder anzurufen oder zu schreiben:

Meine Vergesslichkeit von Geburtstagen ist beinahe legendär, aber als ich vor einigen Tagen selbst Geburtstag hatte, wurde ich angerufen… von einer Witwe. Außerdem habe ich mehrere Nachrichten erhalten… unter anderen von einsamen älteren Leuten.

– … ohne besonderen Einlass entweder anzurufen oder zu schreiben:

Plötzlich fiel mir wieder ein, wie einige einsame Leute mir manchmal einfach so schreiben, um zu wissen, wie es uns als Familie geht.

– … etwas Gutes zu tun, wie z.B. etwas für sie entweder zu kochen oder zu backen und das vorbeizubringen:

Als wir letztes Jahr mehrmals aufgrund von Corona in Quarantäne mussten, wurde uns so oft Essen vorbei gebracht. Aber selbst nach der Quarantäne kriegten wir manchmal einfach so einen leckeren Kuchen von älteren Leute geschenkt… weil sie uns etwas Gutes tun wollten. Ich kann euch garantieren, dass es wirklich super lecker geschmeckt hat.

Ich könnte so weiter machen (mit den Beispielen ;-)).

Als ich jünger war, habe ich öfters ältere und einsame Leute besucht. Aber was ist passiert, dass ich das nicht mehr so selbstverständlich und regelmäßig mache? 

Klar, als Vater von 4 Kindern habe ich echt viel zu tun. Ich arbeite voll. Meine Frau will sicherlich ab und zu auch mal was von mir haben. Und natürlich soll ich auch auf mich achten. Wie du merkst, habe ich einige coole Ausreden parat, um mein Gewissen zu beruhigen… Aber seien wir mal ehrlich: Wie kommt’s, dass ältere Leute mittlerweile diesem Auftrag der Gemeinde, für andere zu sorgen und anderen durch einfache Dienste Gutes zu tun, scheinbar mehr nachkommen als Leute in meinem Alter?

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Sachen wie verkehrt herum sind. Die Einsamen und Älteren sorgen für die Familien! Ok, vielleicht ist es etwas zugespitzt. Ich weiß nicht, wie es in deiner Situation aussieht. Ich kann nur für mich sprechen. Aber ehrlich gesagt habe ich manchmal den Eindruck, gar nicht an einsame Leute zu denken, ganz zu schweigen davon, sie zu besuchen oder sie anzurufen. 

Ja! Du hast recht! Das ist traurig und das ist mir echt peinlich!

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