Ich hätte beinahe vergessen, dass es Corona gibt

Während meiner Frau und meinem Sohn heute Vormittag beim Arzt waren, bin ich ca. 1 Stunde mit unserer 2-jährigen Tochter, Elouise, im Stadtteil der Arztpraxis spazieren gegangen. Dort sind laute kleine Nebenstrassen.

Als wir über einen Fluss gelaufen sind, haben wir kurz angehalten. Ich liebe Wasser, also sagte ich Elouise: „Oh schaue mal, wie schön das Wasser ist. Schaue mal da, ein Boot. Und da ganz viele Balkone.“ Darauf fragte meine Tochter: „Wo sind die Enten?“ Von da an waren wir damit beschäftigt zu beobachten, ob wir Enten sehen. Nach 10 Minuten konnten wir tatsächlich… Entschuldigung, das muss ich korrigieren… Nach 10 Minuten konnte Elouise 3 Enten entdecken. Darauf rief sie fröhlich: „Da! Enten!“

Die nächste 5 Minuten (oder waren das 10?) waren wir damit beschäftigt diese 3 Enten zu beobachten, zu kommentieren, zu begrüßen und uns ihre Geschichte zusammen zu reimen (woher kommen sie? Warum sind sie nicht mit den anderen Vögeln weggeflogen? Sind das vielleicht die Eltern mit ihrem Kind? Oder 3 Freunde zusammen unterwegs? usw. )

Ein bisschen weiter machte Elouise die nächste spannende Entdeckung: Eine Taube! Diese beobachtete die Strasse von einem Fenster aus (… also sie saß auf dem Fensterbrett… draußen… nicht im Haus… ok?). Es ist doch selbstverständlich, dass wir anhalten und die Taube beobachten. Hast du sowas noch nie gemacht? Eine Taube ist echt faszinierend… aus der Sicht eines 2-jährigen Kindes… aus meiner Sicht war die Taube nicht wirklich sooo super spannend. Also habe ich es gewagt mich zu erniedrigen und bin neben dem Kinderwagen in die Hocke gegangen um die Taube aus dem Blickwinkel meiner Tochter zu beobachten. Ehrlich gesagt, sah die Taube genauso aus wie vorher… grau-schwarz, mit 2 Flügel und einen runden Bauch… dann ist sie weggeflogen und Elouise sagte: „Weg! Tschüß Vogel!“ Erst da, habe ich mir folgende Frage gestellt: „Wann war das letzte Mal, dass ich bewusst einen Vogel mitten der Stadt beobachtet habe?“ 

Ich sehe wahrscheinlich jeden Tag entweder Tauben oder irgendwelche andere Vogelarten. Die sind Teil des Dekors… sie gehören zum Inventar, wenn ich das so formulieren darf. Aber ich könnte keineswegs sagen, welche Art von Vogel das sind, ganz zu schweigen von wie viele Vögel ich gesehen habe. Aber heute früh wurde ich wegen (oder dank?) meiner Tochter gezwungen anzuhalten, mich zu erniedrigen, in dem ich in die Hocke gehe, und 5 wichtige Minuten meines Lebens damit zu verbringen eine Taube zu beobachten. 

Als ich von meiner demütigen Haltung wieder aufgestanden bin und wir weiter gelaufen sind, habe ich angefangen die Häuser und die Straße um mich herum anders zu beobachten, in dem ich bewusst versuche und mich dazu zwinge das Schöne, das Originelle, das Andere, zu beobachten. Stell dir Mal vor, es ist mir tatsächlich gelungen. In der Mitte von Leipzig (nein, nicht im Rosenthal, sondern wirklich in grauen kleinen Nebenstraßen mit vielen Autos und Abgas usw.).

Hier einige Beispiele von Sachen, die ich beobachtet habe:

  • eine Tür aus holz neu poliert
  • 3 Müllsammler, die trotz Kälte und Gerüche, ihre Arbeit mit Lächeln machten
  • Schneehaufen, die lustige Formen hatten
  • ein Holzschiff, die zur Terrasse für ein Restaurant umgebaut wurde
  • ein Kanu auf einem Balkon in der 2. Etage
  • Wir haben noch eine 4. Ente entdeckt
  • und natürlich eine Taube

Nach einer Weile habe ich plötzlich jemanden gesehen, der etwas komisches vor dem Mund hatte und einen Bogen um uns herum gemacht hat, so als diese Person Abstand von uns bewahren wollte. Nach 1-2 Sekunden Verwirrung, ist mir wieder eingefallen, dass diese Person in der aktuellen Situation genau richtig gehandelt hat. Plötzlich spürte ich meine eigene Maske wieder…

Ich hatte beinahe vergessen, dass es Corona gibt.

Doch dann sah ich die Leute mit ihren Mund-Schutz-Masken und die Geschäfte mit Zetteln an der Tür: „Aufgrund des Lockdowns, geschlossen!

Wie sehr habe ich mich danach gesehnt wieder eine Ente oder eine Taube zu beobachten.

Wenn du dich also ebenfalls danach sehnst, 10-20 oder 30 Minuten zu vergessen, dass es Corona gibt, empfehle ich dir entweder mit deinen Kindern, deinen Enkelkindern, deinen Neffen, Nichten, oder mit den Kindern von Freunden, einfach spazieren zu gehen. Dann halte an, erniedrige dich, in dem du auf die Hocke gehst, und beobachte deinen Umfeld aus einen anderen Blick…

Wer weißt, vielleicht machst du eine spannende Entdeckung, wie z.B. eine Taube 😉

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